Rechercheförderung des Fonds DaKu 2022

Wir Wochenkinder – Ein polyphoner Monolog

(Diese Website befindet sich im Aufbau und wird regelmäßig erweitert - Stand September 2022)


AKTUELLES zum Arbeitsprozess

* 09/2022 Antrag auf Prozess-Förderung der künstlerischen Arbeitsphase bei Neustart Kultur
* Stand 09/2022: 18 Vorgespräche | 17 geführte Interviews (ca 35 h Audiomaterial) | Interviewphase abgeschlossen
* 04/2022 - Vorgespräche | Beginn der Interviews
* 03/2022 - Netzwerkbildung | Vorgespräche
* 02/2022 - Veröffentlichung des Projektvorhabens | Netzwerkbildung
* 12/2021 - Förderzusage des Fonds Darstellende Künste (Neustart Kultur)
* Herbst 2021 - Antragstellung | Kontaktaufnahme mit Heike Liebsch

"Wochenheime" - zum Hintergrund meiner künstlerischen Recherche

Auf dem Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik gab es eine Vielzahl verschiedener Einrichtungen in kommunaler oder betrieblicher Trägerschaft, die eine außerfamiliäre Betreuung von Kindern jeden Alters ermöglichten. Der Grund dafür lag in der Notwendigkeit, die DDR-Wirtschaft zu stärken und zu erhalten. Die Berufstätigkeit der Frauen musste (v.a. aus ökonomischen Gründen) dringend ermöglicht werden – ebenso jedoch auch die Steigerung der Bevölkerungszahl der Republik. Es mussten also Voraussetzungen für die neue Doppelrolle der Frau als Mutter und Arbeitskraft geschaffen werden.
Eine besondere Betreuungsform für Kinder, die zur Gewährleistung des genannten Anspruchs in der DDR flächendeckend ausgebaut wurde, waren die sogenannten Wochenheimeinrichtungen. Hier wurden Kinder in der Regel am Montag früh von den Eltern abgegeben und Freitag Abend / Sonnabend früh abgeholt. Die sogenannten Wochen krippen waren hierbei das wöchentliche Betreuungsmodell für die 0- bis 3-Jährigen, die Kinder wochenheime jenes für die 3- bis 7-Jährigen.
Vor allem damit ein Elternteil alleinerziehend (und das betraf in der DDR fast ausschließlich die Mütter) oder im Schichtsystem arbeiten, bzw. ein Studium abschließen konnte, wurden zwischen 1950 und 1992 mehrere 100.000 Kinder in diesen heute wenig bekannten Einrichtungen untergebracht.

Ich war eines von Ihnen. In den Jahren 1986/1987 lebte ich im Alter von 4-5 Jahren als „Wochenkind“ in einem Kinderwochenheim in Dresden.

In der DDR-Pädagogik fanden Aspekte der Bindungstheorie, die besagt, jedes Kind habe ein angeborenes Bedürfnis nach intensiver, emotionaler Nähe und könne ohne sichere Bindungsentwicklung nicht gut gedeihen, wenig Beachtung (1). In den einheitlichen DDR-Erziehungsplänen fanden sich kaum Hinweise in Bezug auf die Gestaltung des Tagesablaufs für den Bindungsaufbau des Kindes oder die emotional wichtige Eingewöhnung in der Praxis. Kinder sollten durch die sozialistische Erziehung „in zunehmendem Maße zur selbstständigen Teilnahme an der Gestaltung des Lebens im Kinderkollektiv befähigt werden.“ (2)
Welche Auswirkungen hatte das Aufwachsen in diesen Institutionen auf die seelische und geistige Entwicklung der „Wochenkinder“? Hieß nicht die vom DDR-Sozialismus geforderte Unterordnung des Individuums zugunsten des Kollektivs hier ganz konkret für die betroffenen Familien: Tränen runter schlucken, auf die Lippen beißen, in sich stets wiederholender Trennung leben, Sehnsucht und Kummer aushalten (oder nicht), die elterliche Arbeitskraft durch einen Verzicht auf emotionale Bindung und Zuwendung gewährleisten, nichts sagen, sich nicht beschweren, nicht zur Last fallen, nichts machen können? Mitmachen müssen? Bedürfnisse verdrängen? Allein schaffen? Leise sein?

Leise sein: Bis heute gibt es v.a. zu den Kinderwochenheimen, auch aufgrund vernichteter DDR- Archive, wenig wissenschaftliche Forschungen (3) und kaum mir bekannte künstlerische Auseinandersetzungen (4) mit dem Thema. Folglich auch wenig Aufklärung, gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung und Anerkennung des Geschehenen und seiner Folgen. Es ist etlichen Menschen schlichtweg nicht bekannt, dass es diese Einrichtungen in der DDR gegeben hat. Und dass viele der ehemaligen Wochenkinder diese frühe Form der Fremdbetreuung bis heute nicht losgelassen hat. - Dauert ihr Leise Sein an?

Mit der Recherche zu „Wir Wochenkinder - Ein polyphoner Monolog“ können ihre Stimmen laut werden.

Zum Ablauf meiner künstlerischen Arbeit

Anhand von Interviews werde ich ein Archiv zentraler Ausdruckselemente anlegen, aus dem ich eine Text- und Klangpartitur und schließlich mittels Tonaufnahmen eine digitale Audioskulptur, den „Chor der Wochenkinder“ entwickle:
Einen Monolog der Vielen, in welchem bisher unerhörte Individuen als Gemeinschaft vernehmbar werden – und in Dialog treten können.

Ich möchte damit beginnen, Interviews (Schrift, Ton – ggf. Bild) mit ehemaligen Wochenkindern zu führen. In diesen (an der Zahl wünschenswerterweise mindestens 15) Interviews soll vor allem die soziale und emotionale (Weiter-)Entwicklung der betroffenen Kinder im Vordergrund stehen, ferner möchte ich Eltern und ehemalige Heimerzieherinnen einbeziehen.

Folgende Fragen werden die Grundlage der geführten Gespräche bilden:
Was hat dazu geführt, dass ich im Heim war? Wie ist es mir dort ergangen / woran erinnere ich mich? Was war meine Rolle / wer war beteiligt? Was hätte ich gebraucht? Was habe ich erhalten? Wie bin ich damals damit umgegangen? Was hatte es für Folgen? Wie gehe ich heute und in Zukunft damit um? -
Diese Fragen werde ich auch selbst beantworten (Bild- & Tonaufzeichnung). Ich werde dann die in allen Interviews durchweg getätigten Ausdrücke in Wort, Klang, Ton, Emotion, Stimmung, Ausruf, Rhythmus und Atem ermitteln und zusammentragen.
Das so entstehende Archiv essentieller Ausdrucks-Bausteine der "Wochenkinder" werde ich als Material für die Erarbeitung einer Text- und Klangpartitur für Sprech-Chor verwenden, welche sowohl poly- als auch homophon angelegt sein wird. Hierbei werde ich auch der Frage nachgehen, inwiefern weitere Chorgruppen, z.B. ein „Chor des Systems“ oder ein tatsächlich zu Wort kommender Kinder-Chor der künstlerischen Aufarbeitung dienlich sein können.
Aus den angelegten Partituren werde ich mittels Sprachaufnahmen und Tonbearbeitungstechniken die digitale Audioskulptur des Chores herausbilden.

Erforschendes Arbeitsprinzip

Können die den entnommenen und verdichteten Ausdrücken immanenten Empfindungen der Einzelnen verschlüsselt mitübersetzt und schließlich im großen Chorkörper über den expressiven / rezeptiven Prozess decodiert und „sichtbar“ werden? Könnte diese Art der Übertragung von impliziten Informationen zu einem Erkennen führen, das jenseits von Worten liegt? - So könnte das digitale Chorwesen „aus der Tiefe heraus“ zur individuellen und gesellschaftlichen Aufarbeitung anregen - und darüber hinaus aufzeigen, dass der/die Einzelne in Reaktion auf Beschränkungen nicht isoliert auf sich selbst geworfen sein muss, sondern dass Kollektive entstehen können, in denen das Individuum durch die Gemeinschaft zu Ausdruck und Wachstum finden kann.

Die entstandene Text- und Klangpartitur – hier als Vorlage für ein Hörstück verwendet – wird von mir so erarbeitet werden, dass sie auch von einem Live-Chor performt werden kann.

Dieses Projekt wird gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR.

Collage 2021
ich:wir (Collage, 2020)

Eva Schmidt-Kolmer zeigte in Studien die unterdurchschnittliche Entwicklung von Wochenkindern gegenüber Tageskindern auf. In eines ihrer Ergebnisdiagramme habe ich u.a. ein Foto von mir als Wochenkind in Bruchstücken eingefügt. Aus Vielen wird sichtbar: Eine. Dies stellt ein zu meinem Recherchevorhaben komplettierendes Gegenstück dar. Ich möchte sichtbar machen aus Einer/m: Viele.